„Jetzt geht es wieder los“, sagt meine Frau, als in der Wohnung nebenan das Geschrei beginnt. Wir sitzen am Küchentisch, lesen Zeitung und frühstücken. Es ist Sonntag. Draußen scheint die Sonne. Das Licht spielt mit den Blättern der Kastanie im Hinterhof. Es wird ein heißer Tag werden. Im Radio haben sie gerade von über 30 Grad im Schatten gesprochen. Später werde ich mich auf dem Balkon in den Liegestuhl legen und den Teil der Zeitung lesen, den meine Frau gerade liest, während sie kochen wird. Abends werden wir am Fluß spazieren gehen. Es ist gut, zu wissen, was man tut, besonders am Wochenende.
Ich drehe das Radio lauter. Das Weinen des Jungen und die zornige Stimme der Frau bohren Löcher in die Wand. Zwei Minuten später öffnet sich nebenan die Wohnungstür, das Weinen des Jungen wird durchdringender, die Tür schließt sich wieder. Ich hasse dieses Geräusch. Das Weinen eines Kindes im Hausflur. Ich sehe den Jungen manchmal, wenn er an der Hand seiner Mutter die Treppe hinabsteigt. Er ist gerade eingeschult worden, hat braunes Haar und ein fahles Gesicht. Der Ranzen zieht schwer an seinen Schultern. Ich mag die Art nicht, wie er seinen Kopf hängen lässt.
„Wie kann sie das nur tun?“ Meine Frau stellt das Radio ab. „Wenn ich ein Kind hätte, dann würde ich es bestimmt nicht so behandeln.“
„Woher willst du das denn wissen?“, frage ich.
Sie antwortet nicht. Der Junge weint immer noch. Ab und zu hämmert er gegen die Tür. Ich seufze und gieße mir noch etwas Kaffee ein.
„Pass auf!“, sagt meine Frau, „Stell die Tasse nicht schon wieder neben den Untersetzer.“
„In zehn Minuten lässt sie ihn sowieso wieder rein“, sage ich. „Das weißt du genauso gut wie ich. Er weiß es doch auch.“
Meine Frau legt die Zeitung weg, steht auf und holt die Keksdose aus dem Hängeschrank über dem Herd. Meine Frau ist eine hervorragende Köchin. Es gibt kein Rezept, das ihr nicht gelingt, und ihre Kekse sind besonders gut. Jetzt stapelt sie einige davon auf einen kleinen Teller und gießt ein Glas Milch ein.
Ich sehe ihr über den Rand der Zeitung zu. „Was machst du da?“
„Na, was schon? Ich bringe dem armen Jungen jetzt Kekse und Milch.“
„Lass es sein. Das bringt doch nichts.“
„Irgendjemand sollte etwas tun. Meinst du nicht?“
„Aber es geht uns nichts an. Warum sollen wir uns in ihre Angelegenheiten einmischen?“
Sie zögert einen Moment, Teller und Glas zittern leicht in ihren Händen. Dann verlässt sie die Küche und ich höre, wie sie die Wohnungstür öffnet. Das Schluchzen des Jungen sickert in die Küche und bleibt an mir hängen.
Ich vertiefe mich wieder in die Zeitung. Einige Minuten vergehen. Meine Frau kommt zurück, setzt sich an den Tisch und nimmt ihre Zeitung.
„Und?“, frage ich nach einer Weile.
„Er wollte nicht, dass ich bei ihm bleibe. Aber die Kekse haben ihm geschmeckt. Das konnte man sehen.“ Sie lässt die Zeitung sinken. Ihr Blick geht in die Leere. „Ich glaube, er hatte Angst, dass seine Mutter uns sehen könnte.“
Ich zucke die Achseln. „Die haben wir doch alle.“ Immerhin herrscht im Hausflur jetzt Stille.
Zehn Minuten später klingelt es. Ich öffne die Tür. Es ist die Mutter des Jungen. In den Händen hält sie den leeren Teller und das Glas.
„Guten Tag“, sage ich.
„Ihr Geschirr.”
Sie hat rotes Haar und Augen von seltsam undefinierter Farbe, zwischen grau und grün mit vielen goldenen Einsprengseln. Meiner Frau hat sie einmal erzählt, dass sie aus Riga stamme, und wenn ich ihre Augen sehe, muss ich immer an ein gefrorenes Meer denken. Wird es im Winter dort so kalt, dass das Meer gefriert? Ich muss sie einmal fragen. Das Beste an ihr sind die Beine. Ich glaube, sie weiß das auch. Meistens trägt sie kurze Röcke. Sie zeigt, was sie hat.
„Danke.“ Ich nehme Teller und Glas. „Haben dem Jungen die Kekse geschmeckt.“
„Lassen Sie das“, sagt sie.
„Sie müssen wissen, dass meine Frau die Kekse gebacken hat. Nichts aus dem Laden“, sage ich. „Meine Frau ist eine sehr gute Köchin.“
„Schön für sie. Tun sie das trotzdem nicht wieder.“
„Möchten Sie vielleicht auf einen Kaffee hereinkommen?“
„Ich meine es ernst.“ Sie dreht sich um, ist verschwunden.
Ich gehe in die Küche und stelle das Geschirr in die Spüle.
„Und?“ fragt meine Frau.
Ich zeige mit dem Finger auf die Schläfe und lasse ihn kreisen. „Ich hab’s dir doch gleich gesagt.“
„Kannst du das Geschirr nicht gleich in die Spülmaschine stellen?“, sagt sie. „Du weißt doch, dass es mich dort nur stört.“